Die telegenen Hunde-Nannys sind im Einsatz - na dann is ja gut!

Sicher haben Sie auch schon eine der vielen Hundeerziehungs-Dokusoaps im Fernsehen gesehen. Man kommt ihnen ja auch fast gar nicht mehr aus...

von Stefanie A. Müller, im Juli 2006
Auch ich habe mir, obwohl ich es inzwischen wohlweislich versuche zu vermeiden, kürzlich "Die Hundenanny" angesehen. Dachte mir, schau ich mal, wie's so läuft...
Was ich sah hat mich - gelinde ausgedrückt - schockiert:
Ein Mischlingsrüde aus dem Tierheim, seit gerade mal 6 Monaten bei seinem 3.(!) Besitzer - nur nebenbei: über den Streßpegel des Tieres wurde kein einziges Wort verloren - hat wenn dieser (eine Studentin) weg war gebellt, Wände und Türen angekratzt.

Und - oh Wunder - natürlich hatte dieser Hund keine Trennungsangst - nein ganz klar - er wollte seine Besitzerin kontrollieren, und das kann er ja nicht, wenn diese weg ist.
Oh je! Armer Hund!
Die Nanny kam übrigens zu dieser Diagnose, indem sie mit der Besitzerin in ein Zimmer ging die Tür zu machte und den Hund kurz beobachtete. Der stand wartend vor der Türe.
Das reichte ihr, um ganz klar und deutlich zu erkennen: der hat keine Trennungsangst, sondern einen Kontrollkomplex. Welche Faktoren haben sie zu dieser Erkenntnis gebracht, das blieb leider offen, ich hätte sonst ja noch was lernen können.
Also, die Lösung ist somit denkbar einfach:
Ein Sprühhalsband mit Zitrusduft muss her, das automatisch mit jedem Beller ausgelöst wird - teilweise auch bei (beschwichtigendem) Gähnen, verstörtem Fiepen - aber alles halb so wild - dann macht er halt gar keine Geräusche mehr - ist doch auch nicht schlecht, oder? Und für uns riecht die Wohnung beim heimkommen auch noch so angenehm - praktisch, nicht?
Nanny und Besitzerin verlassen also die Wohnung und positionieren sich vor dem Haus und beobachten das Geschehen über diverse Kameras.
Die hilflosen Versuche sich das quälende Halsband runterzuschieben, scheiterten leider kläglich...
Nach einigen erschreckten Hüpfern rückwärts, Streßhecheln, Unruhe, lag der Hund völlig verstört in einem Eck im Flur, mit Blick auf die Wohnungstür gerichtet (nein, aber es ist doch keine Trennungsangst, hat die Nanny doch extra gesagt!). O-Ton der Nanny "Jetzt ist er deutlich entspannter".
Weil er aber in seiner Verzweiflung auch noch immer mal wieder - zwar lautlos - aber trotzdem an der Türe hochgesprungen ist (Achtung: gibt hässliche Kratzer) und ins Bett gepinkelt hat - musste noch ein anderes Gerät her:
Achtung Überraschung!: Ein Sprayhalsband nicht mit aktustischem Auslöser, sondern diesmal technisch ganz versiert, mit manuellem Auslöser. Jetzt konnten die Dipl. Tierpsychologin und die hämisch grinsende Studentin, alles unerwünschte Verhalten mit Druck auf den Auslöser bequem bestrafen.
Anweisung der Nanny: Jeden Tag üben!! (Das TV Team war 3 Wochen dabei.)
Das Ende des Films zeigte einen im Flur liegenden Hund, der wohlweislich jede Aktivität eingestellt hatte, den Blick unerschütterlich auf die Wohnungstür gerichtet.
Der Sprecher versichert uns nochmals, dass der Hund jetzt superentspannt ist - na dann ist ja gut! Hab mir schon fast Sorgen gemacht.
Schade, um das Wohl des Hundes, aber wieviele andere Hunde werden nun das gleiche Schicksal erleiden, weil tausende Zuschauer gesehen haben, wie scheinbar einfach das Verhalten mit einem technischen Gerät zu ändern ist. Und das man kein Mitleid haben muss - Sie wissen ja, Kontrollkomplex gepaart mit dominantem Verhalten - ganz böse...
Auch gut, ich dachte ja immer, Trennungsangst zu therapieren gehörte zu den Trainingsprogrammen, die sehr lange dauern, in ganz kleinen Schritten vorangehen, die Geduld des Besitzers auf die Probe stellen und ganz elementar (!) während denen die Trennungsangst auf gar keinen Fall ausgelöst werden darf - nur gut dass es ja hier der Kontrollkomplex war - sonst wäre es ja auch nicht so telegen gewesen, oder?
Übrigens, der andere "begleitete und therapierte" Hund war ein - ja ich weiß, Sie ahnen es schon- dominanter (O-Ton: "Wie es im Buche steht!" ) Jack Russel Terrier, neben den man Sachen fallenließ, um ihm zu zeigen, er soll nicht bei uns am Tisch sondern auf seiner Decke liegen. Die Sachen (u.a. Rucksäcke) sollten unauffällig neben ihm "runterfallen", nicht dass er sich provoziert fühlt. Fröhlich machte die ganze WG mit.
Die Nanny war hocherfreut - der Jack Russel Terrier (!) trug seine Rute jetzt unten - na dann is ja gut!